Nachdenken über Jürgen Kuczynski

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Aus Anlass der Einweihung einer Gedenktafel am Geburtshaus des marxistischen Sozialwissenschaftlers Jürgen Kuczynski in Wuppertal-Elberfeld hielt der Marburger Politikwissenschaftler Georg Fülberth eine Rede, die er für uns im Januar 2018 noch einmal einsprach. Hier kann sie nachgelesen werden.

Am 14. Oktober 2017 wurde in Wuppertal-Elberfeld am Geburtshaus von Jürgen Kuczynski eine Gedenktafel enthüllt. Für eine Rede, die ich aus diesem Anlass im Historische Zentrum in Wuppertal-Barmen zu halten hatte, wurde mir folgendes Thema gestellt: “Nachdenken über Jürgen Kuczynski. Was ist für die heutige und die kommenden Generationen das Beständige an seinem Leben und seinem Werk?”
Später wurde die Überschrift geändert in:

„Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen.
Nachdenken über Jürgen Kuczynski“.
Als ich daran ging, dieses Thema zu bearbeiten, merkte ich, dass dies nicht ging. Es passt nämlich nicht zu Jürgen Kuczynski. Unter den vielen Bonmots von ihm, die in Umlauf sind, gehört das folgende: „Wir sind doch alle nur Zaunkönige auf den Flügeln von Adlern“. Ende des Zitats.
Zaunkönige können keine Riesen sein. Jürgen Kuczynski war selbstbewusst, aber er hielt sich nicht für einen Riesen. Wenn es um die wissenschaftliche Selbsteinschätzung ging, war er bescheiden.
Also machte ich mich an das zweite Thema: “Nachdenken über Jürgen Kuczynski. Was ist für die heutige und die kommenden Generationen das Beständige an seinem Leben und seinem Werk?”
Nach einiger Zeit entdeckte ich auch da einen Haken. Jürgen Kuczynski hatte sich nämlich schon selbst damit beschäftigt, was er kommenden Generationen zu sagen hatte: in seinem Buch „Dialog mit meinem Urenkel“. Dort erfahren wir viel über ihn, aber wir finden keinen einzigen Rat, was die nächste und übernächste Generation etwa von ihm lernen könnte. Das wäre ihm anmaßend vorgekommen. Was können Ältere über Jüngere, die dreißig oder sechzig Jahre weniger haben als sie, überhaupt wissen? Jede Generation muss ihren Weg selbst finden. Was sie von den Älteren am wenigsten braucht, sind unerbetene Ratschläge. Wenn sie Rat von ihnen wollen, werden sie ihn sich holen. Wird er nicht abgefragt, sollte er nicht gegeben werden. Ist der Vorfahr irgendwann tot, ist das Beste, was er hinterlassen kann, Ehrlichkeit, eine korrekte Selbstdarstellung, mehr nicht. Und wenn wir, die wir uns hier versammelt haben, jetzt unsererseits Jürgen Kuczynski, der keine Lehren erteilen wollte, etwa zum Medium für Lehren, die wir ihm in den Mund legen, machen wollten, dann wäre das besonders verstiegen.
Lassen wir das also und begnügen uns auf den Teil des Titels, den es ja immerhin von Anfang an gab: „Nachdenken über Jürgen Kuczynski“.
Fangen wir damit an.
Indem wir uns von den Riesen verabschieden, auf denen irgendjemand stehen soll, nennen wir sie noch einmal. Die Adlerflügel, auf denen Jürgen Kuczynski sich als Zaunkönig sitzen sah, waren für ihn Marx und Engels: Voraussetzungen dafür, selbständig weiterzudenken. Er hatte aber noch eine andere großartige Voraussetzung: das, was ihm seine Familie mitgab. Eine erstaunliche Familie des nicht nur materiellen, sondern auch des intellektuellen Großbürgertums. Ein Großvater war Bankier, der Vater der sehr geachtete Statistiker Robert René Kuczynski. Im Haus befand sich eine riesige, über Generationen angesammelte Bibliothek. In der Familie wurde ständig diskutiert. Da blieb wohl kaum ein Talent unentdeckt. Die Kinder, so scheint es, hatten alle Chancen, schon frühreif zur Welt zu kommen. Jürgen Kuczynski war noch keine einundzwanzig Jahre alt, als er promovierte.
Auf der Trauerfeier für Jürgen Kuczynski hat einer seiner Söhne, Peter Kuczynski, darauf hingewiesen, dass solche Frühreife ihr Bedenkliches hätte haben können, nämlich die Gefahr, zu früh fertig zu sein. Jürgen Kuczynski hat das selbst zur Sprache gebracht: im Titel seiner Memoiren von 1973: „Die Erziehung des J. K. zum Kommunisten und Wissenschaftler“.
Erziehung also. Er wusste, dass er nicht leicht- und schnellfertig sein durfte. Über sein erstes Buch, das er als Einundzweiundzwanzigjähriger veröffentlichte – es trug den Titel: „Zurück zu Marx!“ – urteilte er, in der Rückschau von sich in der dritten Person redend, „freundlich-mitleidig, ohne hineinzuschauen, zumal vieles so kompliziert formuliert ist, daß man gebildeter sein muß, als ich es heute bin, um alles zu verstehen.“ Der junge Jürgen Kuczynski musste also erzogen und geerdet werden, und er wurde es auch. Auch hierfür hatte er vorab eine gute Voraussetzung: den Vater, den Sozial- und Bevölkerungsstatistiker. Der Sohn entdeckte früh bei sich eine Freude am Rechnen und rechnenden Vergleichen. Vater und Sohn hatten also die Neigung und beide auch die Begabung zur Statistik gemeinsam. Dies war – um in der Terminologie von Marx zu sprechen – ihr Arbeitsmittel. Bei Marx gibt es immer auch einen Arbeitsgegenstand. Auch den hatte Robert René Kuczynski schon gefunden: die Bevölkerung, vor allem die ärmeren Volksklassen. Bei seinem Sohn wurde es dann die Arbeiterklasse.
Mit ihr befasste er sich zuerst nicht in Deutschland, sondern in den USA. Dort forschte er von 1926 bis 1929, und dies schon nicht mehr als Einzelwissenschaftler, sondern für die Gewerkschaft American Federation of Labor. Ein solcher Aufenthalt, heute ja üblich, war damals etwas Besonderes, man kann auch sagen, ein Privileg, aber man kann ebenfalls sagen: es traf den Richtigen. Das Entscheidende passierte vielleicht schon auf der Überfahrt. Solche Schiffsreisen waren damals keine Kreuzfahrten, deren Teilnehmer bespaßt werden mussten, sondern man hatte Zeit zum Nachdenken. Der zweiundzwanzigjährige Jürgen Kuczynski dachte über den Relativlohn nach. Was war das?
Den Begriff des relativen Lohns hatte Karl Marx 1849 einmal im Vorübergehen erwähnt, sich aber dann nicht weiter damit befasst. Das ist kein Wunder, denn sein Hauptwerk heißt ja „Das Kapital“ und nicht „Das Proletariat“. Dieses Proletariat spielt die zentrale Rolle in seinen politischen Schriften, aber nicht in seinen ökonomischen, insbesondere nicht im „Kapital“. Hauptfigur in der großen Erzählung, betitelt „Das Kapital“, ist das Kapital, das Proletariat ist sein Produkt, auch wenn es natürlich das Kapital aus sich hervorbringt, ein klarer Fall von Dialektik. Im Buch „Das Kapital“ muss sich Marx den Kopf der Kapitalisten zerbrechen, und was diese Kapitalisten, die Unternehmer, interessieren muss, ist die Rendite, auch zu benennen als Profit. Als den Kern des Profits identifiziert Marx den Mehrwert, also den Teil des Werts der Ware, der nicht den Lohn- oder Gehaltsabhängigen, sondern den Unternehmern zufließt. Teilt man den Mehrwert durch den Lohn, ergibt sich eine Rate, die Mehrwertrate.
Tut mir Leid, meine Damen und Herren. So viel Allgemeines, für die Meisten der Anwesenden wohlvertraut, muss sein, denn ohne dieses Allgemeine begreifen wir nicht das Besondere an Jürgen Kuczynski. Gönnen Sie mir also bitte, dass ich diesen Gedankengang noch ein ganz klein wenig fortsetze, es ist gleich vorbei.
Die Mehrwertrate muss die Unternehmerinnen und Unternehmer interessieren. Und was interessiert die Arbeiterinnen und Arbeiter? Natürlich der Reallohn, das, was sie sich für ihren Lohn kaufen können. Der junge Jürgen Kuczynski fragte darüber hinaus noch nach etwas anderem: eben nach dem Relativlohn und seiner Rate. Die ergibt sich, wenn wir den Lohn über den Bruchstrich, in den Zähler, setzen, und darunter, in den Nenner, den Gewinn. Dann wird wieder dividiert. Heraus kommt das Umgekehrt der Mehrwertrate, eine Lohnrate, die er anders nannte, also den Relativlohn.
Jürgen Kuczynski stellte also gleichsam das Kapital und dessen Analyse, das Buch „Das Kapital“ von Karl Marx, vom Kopf auf die Füße oder von den Füßen auf den Kopf, wie man will, jedenfalls vom Mehrwert auf den Relativlohn.
Die uns geläufigere Lohnquote ist etwas Anderes: sie ist der Anteil von Löhnen und Gehältern am gesamten Volkseinkommen.
Mit seinen Überlegungen zum Relativlohn hatte Jürgen Kuczynski das Thema seines Lebens gefunden: „Die Geschichte der Lage der Arbeiterklasse unter dem Kapitalismus“, und zwar im Verhältnis zum Reichtum der Kapitalistenklasse. Ein gewaltiges Programm, das ihn in den nächsten 46 Jahren beschäftigen sollte. Am Ende standen die 40 Bände seines Werks über die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, die Fortsetzung dessen, was ein anderer junger Mann aus dem Wuppertal, Friedrich Engels, 1845, in seiner „Lage der arbeitenden Klasse in England“ begonnen hatte.
Ein Kleinbürger aus Trier, Karl Marx, hat über das Kapital geschrieben, zwei Söhne der Bourgeoisie, Friedrich Engels als Barmen und Jürgen Kuczynski aus Elberfeld, über die Lage der arbeitenden Klassen.
Es gibt eine Parallele in der Gegenwart. Vor vier Jahren, 2013, veröffentlichte der französische Ökonom Thomas Piketty sein umfangreiches Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Hier belegte er statistisch eine These, die vorher schon öfter aufgestellt wurde, nun mit gehärteten Fakten: Die sich immer mehr weitende Kluft zwischen den großen Vermögen und Einkommen und dem Rest. Jürgen Kuczynski hätte dies gewiss gefallen. Aber es wäre für ihn nur der Anfang gewesen. Er hätte danach sich um eine Gegenrechnung bemüht: um den Nachweis, wie sich die Einkommen der Lohn- und Gehaltsabhängigen entwickeln, die diese ungeheuren Reichtümer hervorbringen, und um deren Relation zu diesen Reichtümern, also den Relativlohn.
Thomas Piketty hat in seinem Buch sinnvolle Vorschläge gemacht, wie die Kluft zu schließen sei, vor allem eine Reform der Steuern und Abgaben. Deprimierenderweise ist ihm bis heute in der Praxis niemand gefolgt. Er richtete seinen Appell an Parlamente, Regierungen und internationale Institutionen. Der Adressat von Jürgen Kuczynskis Berechnungen waren die Lohn- und Gehaltsabhängigen und ihre Organisationen. Ohne deren Einsatz werden Parlamente, Regierungen und Institutionen sich nicht bewegen. Deshalb arbeitete er nicht für offizielle statistische Behörden, sondern zunächst für eine US-amerikanische Gewerkschaft und später im Rahmen der internationalen sozialistischen Bewegung – selbstverständlich nie im Gegensatz zu Marx (wie sollte er auch?) und – lebte er heute – zu Piketty, der kein Marxist ist, sondern in Komplettierung.
Jürgen Kuczynski war ein Mann mit vielen Gaben und Aktivitäten. Aber wenn wir aufgefordert würden, in einem einzigen Satz zu sagen, was das Wichtigste war und ihm selbst das Wichtigste gewesen ist, das er zustande gebracht hat, und es dürfte nur eine einzige unter seinen vielen Leistungen sein, dann müssten wir sagen: Jürgen Kuczynski ist der Verfasser der vierzig Bände „Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus“. Basta.
Und siehe da, hier ergibt sich tatsächlich, gleichsam nebenbei, eine Antwort auf die Frage, was denn für die heutige und die kommenden Generationen das Beständige an seinem Leben und seinem Werk sei. Die Antwort lautet: das Beständige an seinem Werk ist das Unvollständige. Soll heißen: Wo Jürgen Kuczynski aufgehört hat, muss weitergearbeitet werden. Seit 1972, als er die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus abschloss, sind schon 45 Jahre vergangen. In diesen 45 Jahren hat sich der Kapitalismus umgewälzt, ohne aufzuhören, Kapitalismus zu sein. Jürgen Kuczynski kannte den Kapitalismus der Ersten und der Zweiten Industriellen Revolution. Jetzt haben wir die Dritte. Der Kapitalismus hat sich ausgedehnt: jetzt gehören Russland und China dazu. Auch die Arbeiterinnen und Arbeiter sind andere geworden. Über den Kapitalismus wird zurzeit viel geredet und geschrieben. Ein sozialwissenschaftliches Buch, in dessen Titel nicht wenigstens einmal das Wort Kapitalismus vorkommt, hat gegenwärtig einen Konkurrenznachteil auf der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse. Weit weniger zahlreich sind die Bücher über die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter unter dem Kapitalismus der Gegenwart. Um sie zu erstellen, müsste neu angefangen werden.
Es ist zu wünschen, dass sich Menschen finden, die das tun, aber unter den heutigen Bedingungen ist auch zu fürchten, dass sie zunächst ebenso isoliert arbeiten müssten, wie es Jürgen Kuczynski Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts tun musste. In den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts war sein großes Werk im Konkurrenzkampf zwischen Ost und West, zwischen SED und SPD, so herausfordernd, dass auch in der Bundesrepublik wichtige Werke zur Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus entstanden. Ich denke an die großartigen Forschungen von Klaus Tenfelde und Michael Schneider. Auch sie gehören zum Beständigen, das zugleich unvollständig ist, weil es fortgesetzt werden muss.
Jürgen Kuczynski also hat damit einst, soweit es um die Forschung im 20. Jahrhundert geht, angefangen. Ein erstes Ergebnis war 1929 das Buch „Der Fabrikarbeiter in der amerikanischen Wirtschaft. Eine erste kritisch historisch-statistische Darstellung der Lage der amerikanischen Arbeiter“. Das war nun schon kein Schnellschuss mehr, sondern harte empirische Forschung. Jürgen Kuczynski hat es auch nicht allein geschrieben, sondern gemeinsam mit Marguerite Steinfeld. Als es 1929 erschien, hieß sie nicht mehr Steinfeld, sondern Marguerite Kuczynski. 1928 hatten sie geheiratet. 1927 und 1928 hatten sie gemeinsam auf Englisch zwei Bücher über die Statistik der Löhne und „wage share“ – das ist eben der Relativlohn – verfasst. Marguerite Kucznyski war ein anderer Wissenschaftstyp als Jürgen Kuczynski. Wo er gern einmal kräftig breit ausgriff, war sie eine penible Detailarbeiterin. Sie gab später die ökonomischen Schriften von François Quesnay heraus, forschte zu Turgot, entdeckte in Japan Marx´ Randbemerkungen zu seiner Schrift „Das Elend der Philosophie“ und verwandte sie für Band 4 der blauen Bände der Marx-Engels-Werkausgabe, deren 8. Band mit den Schriften von Marx und Engels 1851 bis 1853 sie auch erarbeitete.
In diesem Jahr 2017 erscheint endlich, endlich die Ausgabe gleichsam letzter Hand des ersten Bandes des „Kapital“, in dem erstmals alle von Engels noch übergangenen Hinweise von Marx beachtet sind, erarbeitet von Thomas Kuczynski. Man kann sich vorstellen, wie Marguerite Kuczynski sich daran gefreut hätte, an der Genauigkeit einer Edition, die ja unerlässlich ist für weiteres Forschen und Urteilen.
1930 trat Jürgen Kuczynski der Kommunistischen Partei Deutschlands, KPD, bei. Im Gegensatz zu vielen anderen konnte er noch als alter Mann sagen, er habe es nie bereut. Den Gedanken an eine akademische Karriere in der Weimarer Republik hatte er sich, falls er ihn je hatte, da schon längst aus dem Kopf geschlagen. Max Weber, ein Freund der Juden, hatte 1919 in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ sich Gedanken über die Laufbahnchancen junger Wissenschaftler gemacht. Dort findet sich der Satz: „Ist er ein Jude, so sagt man ihm natürlich: lasciate ogni speranza“, lasst alle Hoffnung fahren. Das war 1919, nachdem im Kaiserreich immerhin Albert Einstein Direktor eines Kaiser-Wilhelm-Instituts und Georg Simmel unbezahlter außerordentlicher Professor werden konnten. Zehn Jahre später wäre das kaum noch möglich gewesen, noch vor dem Machtantritt der Faschisten. Und Jude UND Kommunist, das ging schon mal gar nicht.
Jürgen Kuczynski blieb Privatgelehrter und er wurde Parteiarbeiter, Parteijournalist, unter anderem für die KPD-Tageszeitung „Die Rote Fahne“.
Ab 1933 war er im Widerstand. Was war das für ein Widerstand? Es war der Widerstand eines Statistikers und Sozialwissenschaftlers. Jürgen Kuczynski sammelte Daten über die Lage der breiten Volksmassen im Reich, und seine Berichte fanden zu einem TASS-Korrespondenten, zur sowjetischen Botschaften oder zur Handelsvertretung der UdSSR.
Hier kommt wieder die Familie ins Spiel. 2008 erschien von Hans Magnus Enzensberger das Buch „Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte“. Dort ist auch von den Töchtern des Generals Hammerstein die Rede, die die Stellung ihres allerdings inzwischen in den Ruhestand versetzten Vaters benutzten, um Informationen an die sowjetische Abwehr gelangen zu lassen. Ähnliches gilt für Ruth Werner. Ihr Klarname war Ursula Kuczynski, sie war eine Schwester Jürgen Kuczynskis. In ihrem Buch „Sonjas Rapport“ berichtet sie über ihre Kundschaftertätigkeit – westlicher Begriff : Spionage – gegen Hitler in vielen Ländern, bis hin nach China. Sie hatte mit Richard Sorge zusammengearbeitet, später die Erkenntnisse von Klaus Fuchs über die Atomrüstung weitergeleitet, und sie hat in großer Selbstverständlichkeit auch ihren Ehemann Rudolf Hamburger und ihren Bruder einbezogen. Die Bundesrepublik Deutschland hat fast acht Jahrzehnte gebraucht, um schließlich durch den Mund ihres Außenministers und jetzigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier klarzustellen, dass dies kein Verbrechen sondern ein Verdienst um das deutsche Volk war – um eine Formulierung im alten Bundesentschädigungsgesetz von 1953 zu gebrauchen. Steinmeier tat dies am Beispiel von Ilse Stöbe, einer Beschäftigten des Auswärtigen Amtes, und es gilt diesem Sinn nach auch für Ursula und Jürgen Kuczynski.
1936 ging es nicht mehr weiter. Jürgen Kuczynski und seine Familie mussten nach England emigrieren. Dort leistete er Parteiarbeit, unter anderem in der Leitung der Gruppe der emigrierten KPD-Mitglieder in Großbritannien, war einige Zeit als feindlicher Ausländer interniert, aber während der ganzen Zeit forschte er weiter zur Lage der Arbeiterklasse unter dem Kapitalismus. Schließlich wurde er Offizier der US-amerikanischen Armee, im United States Strategic Bombing Survey, wieder als Statistiker, jetzt bei der Auswertung der Folgen der Bombenangriffe. Hier gab es einen Kampf innerhalb des westlichen Teils der Anti-Hitler-Koalition. Die britische Royal Air Force setzte auf Flächenbombardements, auch auf Wohngebiete, die US-amerikanische Luftwaffe, für die Kuczynski arbeitete, auf so genanntes pin point bombing: Angriffe nur auf militärstrategisch wichtige Ziel. Die britische Seite setzte sich durch, die US-Amerikaner und mit ihnen Jürgen Kuczynski unterlagen. Der Historiker der Arbeiterklasse unter dem Kapitalismus, der Verfasser eine Geschichte des Alltags des deutschen Volkes war für eine Zerstörung ihrer Wohnungen nicht zu haben.
Nach dem Krieg ging er in aller Selbstverständlichkeit in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands. Er sollte Präsident des Deutschen Wirtschaftsinstituts in Berlin werden, damals noch eine gesamtdeutsche Einrichtung, aber das verhinderte der beginnende Kalte Krieg, stattdessen wurde es Ferdinand Friedensburg. Jürgen Kuczynski war Präsident der Zentralverwaltung für Finanzen in der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität, 1949 bis 1958 Mitglied der Volkskammer der DDR, er war Präsident der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion, später bekannter als Gesellschaft für Deutsch-sowjetische Freundschaft. Aus dieser Funktion wurde er 1950 entfernt. Als Grund hierfür hätte man vermuten können, dass er so genannter Westemigrant war. Kommunistinnen und Kommunisten nicht nur in der DDR, sondern auch der Bundesrepublik, die zwischen 1933 und 1945 in westliche Länder emigriert waren, wurden Repressalien ausgesetzt. Jürgen Kuczynski berichtete später, dass dies für ihn nicht zutraf: seine Vertrauensstellung bei den für Deutschland zuständigen Stellen der Sowjetunion sei zu stark gewesen. Aus der UdSSR allerdings sei dann doch die Ursache für seine Ablösung gekommen: eine antisemitische Kampagne in der Spätzeit Stalins.
Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 versuchte Jürgen Kuczynski in der so genannten Tauwetterperiode an der Entstalinisierung mitzuwirken und auch in der Geschichtswissenschaft eingefahrene Ansichten zu lockern. Eine seiner Publikationen hatte mit seinem Spezialgebiet, den Volksmassen, zu tun. Er äußerte die Ansicht, dass die SPD-Fraktion am 4. August 1914, als sie den Kriegskrediten zustimmte, sich nicht im Widerspruch zur Mehrheit der Mitglieder befand, diese seien vielmehr selbst vom nationalistischen Taumel ebenso gepackt gewesen wie die Bürger und Kleinbürger. Er billigte dies nicht. Er war mittlerweile nicht nur Marxist, sondern auch Leninist und der Ansicht, Aufgabe der Leitung einer Partei sei nicht, hinter ihrer Basis herzulaufen, sondern sie zu führen und rechtzeitig zu erziehen, damit so etwas nicht passieren könne. Aber er musste, als Wissenschaftler, doch konstatieren, dass es anders war, als es die parteioffizielle These vom Verrat an der Basis bisher propagiert hatte.
Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Ungarn 1956 war es mit dem Tauwetter vorbei, und Jürgen Kuczynski wurde Ziel einer Kampagne, an der sich auch Historiker der jüngeren Generation beteiligten. Er sollte aus der Liste der Mitglieder der SED gestrichen werden. Das wäre für ihn schlimmer gewesen als ein Ausschluss, denn er wäre dann so behandelt worden, als sei er nie Mitglied gewesen.
Eine Zeitzeugin, Marga Beyer, berichtete Jahrzehnte später mündlich Folgendes aus einer Sitzung einer Parteigruppe: Ein Angriff nach dem anderen sei dort gegen ihn vorgetragen worden. Er wurde zu Stellungnahme und Selbstkritik aufgefordert. Schließlich erhob er sich von seinem Platz und ging nach vorn, in der Hand ein Blatt Papier. Es war ein Brief aus dem Kieler Weltwirtschaftsinstitut und enthielt das Angebot an ihn, dorthin überzuwechseln. Das Institut teilte ihm mit, man kenne seine Arbeiten und würde sich freuen, wenn er sie in Kiel fortsetzen werde. Jürgen Kuczynski las das vor, teilte mit, dass er dieser Einladung nicht folgen werde, ging an seinen Platz zurück und setzte sich wieder.

Letztlich hatte Jürgen Kuczynski in der Krise von 1956/1957 Glück im Unglück.
Aus der SED wurde er nicht ausgeschlossen. Es kam zu einem Arrangement, wonach er sich aus seiner Hochschullehrertätigkeit zurückzog und sich darauf konzentrierte, seine Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, von der es ja schon umfangreiche Einzelbände als Vorstudien gab, niederzuschreiben. Er vermutete, man habe ihn damit nicht nur frei-, sondern auch stillstellen wollen, denn man habe angenommen, mit dieser riesigen Arbeit werde er zu seinen Lebzeiten nicht fertig werden. Was seine Kontrahenten nicht wussten, war, dass er seine Stoffsammlungen schon so weit vorangetrieben hatte, dass er die vierzig Bände schon bis 1972 abschließen konnte. Sein Schriftenverzeichnis umfasst über 4.100 Titel, diese 40 Bände sind nur eine einzige Nummer darin.
In der Öffentlichkeit blieb Jürgen Kuczynski weiter präsent, und zwar in Ost und West. Internationales Ansehen hatten das von ihm geleitete Institut für Wirtschaftsgeschichte an der Akademie der Wissenschaften und dessen Jahrbuch, 1964 trat er im Frankfurter Auschwitz-Prozess als Gutachter der Nebenklage auf und belegte das Zusammenspiel zwischen IG Farben und der SS.
Seine Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus war nicht das einzige mehrbändige Werk, das er geschrieben hat. Sehr populär waren die zunächst fünf, dann sechs Bände seiner „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes“, die er in den siebziger Jahren und bis zum Anfang der achtziger veröffentlichte.
Ein Jahrzehnt später, nach dem Ende der DDR, erhielt er einen Brief aus Hamburg, über den er sehr bestürzt war. Absenderin war die Kriminalschriftstellerin Doris Gercke. Sie fragte ihn, weshalb in dieser Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, die ja bis 1945 geht, die Juden nicht vorkommen. Jürgen Kuczynski antwortete niedergeschmettert, notierte diese Entdeckung in sein Tagebuch, in dem er sie auch veröffentlichte.
Wie konnte das geschehen? Jürgen Kuczynski hatte ja durchaus eigene Erfahrungen mit dem Antisemitismus gemacht. Als Student in Erlangen Anfang der zwanziger Jahre wagte er sich manchmal längere Zeit nicht aus dem Haus, weil er in der Öffentlichkeit wegen seines angeblich „jüdischen Aussehens“ ständig angepöbelt wurde. Aus dem gleichen Grund war Mitte der dreißiger Jahre kein Weiterarbeiten im Widerstand in Berlin mehr möglich gewesen: seine Partnerinnen und Partner bei Treffs waren gefährdet, wenn sie mit einem Mann gesehen wurden, dessen Äußeres den Vorurteilen über vorgeblich jüdischen Gesichtszüge entgegenzukommen schien. Und es war doch eine antisemitische Welle gewesen, die ihn 1950 sein Amt als Präsident der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft gekostet hatte. Denkbar ist, dass schon vorher die Aussicht, dass er Wirtschaftsminister der DDR hätte werden können, an einer solchen Intervention scheiterte.
Dennoch kommt der Antisemitismus in seiner Geschichte des Alltags des deutschen Volkes nicht vor.
Es war kein Einzelfall. Auch andere marxistische Intellektuelle seiner und der vorangegangenen Generation haben den Antisemitismus, gerade wenn er sie selbst oder ihre Familien betraf, ignoriert oder verdrängt oder wenigstens nicht eigens erwähnt, wie man es nennen will. Als Stalin in den dreißiger Jahren die Bekämpfung Leo Trotzkis auch noch antisemitisch einfärbte, hat sich dieser lange Zeit geweigert, darauf einzugehen, es war ihm einfach zu ekelhaft.
Was da in Deutschland nach 1933, vor allem aber ab 1941 geschah, widersprach der von der Aufklärung geprägten rationalistischen und letztlich optimistischen Haltung des Marxismus. Klassisch war sie in einer Antwort zum Ausdruck gekommen, die 1890 Friedrich Engels Isidor Ehrenfreund, einem jüdischen Briefpartner in Wien, gegeben hatte. Dieser hatte ihn nach dem Antisemitismus gefragt, und er antwortete ihm, der sei ein Relikt vergangener Zeiten und zurückgebliebener Zeiten: noch stark in den bäuerlichen Gesellschaften Osteuropas, aber verschwindend in modernen Industriegesellschaften. Heute kann man dazu nur noch sagen: Welch ein Irrtum! Aber Optimismus und Rationalität sperrten sich auch noch nach 1933 gegen das, was nicht nur aller Humanität widersprach, sondern sogar der schlimmsten Zweckrationalität zu widersprechen schien.
Eine zweite Katastrophe des 20. Jahrhunderts hatte Jürgen Kuczynski durchaus im Blick: den Stalinismus. Ein Teilaspekt war das Schicksal deutscher Kommunistinnen und Kommunisten, die in der Sowjetunion ermordet oder in Lagern gesperrt wurden. Überlebende kamen erst in den fünfziger Jahren in die DDR und sahen sich zu öffentlichem Schweigen verpflichtet. Zu ihnen gehörte sein Schwager Rudolf Hamburger, der frühere Ehemann Ursula Kuczynskis.
Unter den Bedingungen der DDR war es schwierig bis unmöglich, darüber zu reden oder zu schreiben. Jürgen Kuczynski hat es dennoch versucht: in seinem Buch „Dialog mit meinem Urenkel“, abgeschlossen 1977, veröffentlicht 1983. Hier schrieb er über die Zeit der Stalinherrschaft und war auch bereit zur Selbstkritik. Ein Sohn des Parteiveteranen Hermann Duncker war 1938 in der Sowjetunion verhaftet worden und 1942 im Lager in Workuta umgekommen. Sein Vater war 1937 in Großbritannien in der Emigration, wie Jürgen Kuczynski, und ab Anfang 1938 dann in Frankreich. In seinem Buch „Dialog mit meinem Urenkel“ berichtete dieser, er habe ihn nach der Verhaftung trösten wollen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die sowjetische Justiz keinen Irrtum begehen werde. Dafür schäme er sich heute.
Das war weniger, als er sagen wollte, aber das Äußerste, was damals in der DDR möglich war. Wie schwer das war und wie sehr er da einen Nerv traf, zeigte sich am Schicksal des Buchs. Sechs Jahre lang konnte es nicht erscheinen. Schließlich erreichte Jürgen Kuczynski durch eine Intervention beim Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker seine Freigabe, aber auch dies erst, nachdem er einige Streichungen und Änderungen hingenommen hatte. Den ursprünglichen Text konnte er erst in den neunziger Jahren herausbringen. Dabei zeigte sich, dass sich in der Substanz nichts geändert hatte, so flexibel konnte er damals die Zumutungen parieren. Die Fassung von 1983 wurde ein Bestseller, viele haben ihn als eine Art intellektueller Befreiung empfunden.
Ich selbst kannte Jürgen Kuczynski erst seit 1980 persönlich. Die erste Begegnung hatte eine Vorgeschichte.
1979 gab es einen Riesenkrach unter den Historikern der Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik. Sein Gegenstand war ein Buch „Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung“, verfasst von Lehrenden und Lehrenden an der Marburger Universität, herausgegeben von Frank Deppe, Jürgen Harrer und mir. Man warf uns Einseitigkeit der Kritik am Verhalten von SPD und Gewerkschaften zu Beginn des Ersten Weltkriegs und am Ende der Weimarer Republik vor. Fast die gesamte einschlägige Historikerzunft stand gegen uns. Wir suchten Verbündete und wandten uns an Jürgen Kuczynski mit der Bitte um eine Stellungnahme. Er lehnte ab und begründete dies so: Wenn ausgerechnet ein Historiker der DDR uns verteidige, gerieten wir letztlich noch mehr unter Beschuss. Dass unsere Bitte ungeschickt, ja sogar peinlich war, hätten wir bei einigem Nachdenken selber merken müssen: 1957 hatte Jürgen Kuczynski ja seinerseits Schwierigkeiten bekommen, weil er die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914 anders erklärt hatte als die offizielle Geschichtsschreibung der DDR. Wenn er sich uns nun angeschlossen hätte, konnte es sein, dass man seine ältere Arbeit von damals gegen uns und ihn selbst in Stellung brachte.
Immerhin waren wir nun in Kontakt, wir luden ihn zu einem Vortrag nach Marburg ein, er kam 1980 und dann bis 1992 immer wieder. Aus dem heutigen Anlass gibt es ja nun eine Broschüre. Jürgen Kuczynski ist auf dem Titelbild zu sehen, die Aufnahme wurde bei seinem ersten Marburger Vortrag gemacht. Im Hintergrund ist mit Kreide auf einer Tafel zu lesen: „Bitte nicht rauchen!“ – in Gegenwart des notorischen Zigarrenrauchers eine unbeabsichtigte Pointe.
Aus den Äußerungen von Jürgen Kuczynski bei seinen Besuchen in Marburg ließen sich Wandlungen in der DDR und in seiner Haltung zu ihnen erfahren. 1983 führten wir in seinem Haus in Berlin-Weißensee ein Interview mit ihm, das ein Jahr später als Buch erschien. Gleich zu Anfang sagte er, in seiner Jugend sei er sicher gewesen, dass der Sozialismus zwangsläufig kommen werde. Heute wisse er, dass dies lediglich ein Glaube gewesen sei. An dessen Stelle sei nun lediglich Hoffnung getreten, aber keine wissenschaftlich errechenbare Unvermeidlichkeit mehr. Wörtlich sagte er, dass er, ich zitiere, „bis zum Zweiten Weltkrieg, bis ich begriff, was ein Nuklearkrieg bedeutet, nicht optimistisch war, sondern sicher war, dass der Sozialismus siegen wird. Kein Mensch ist optimistisch in Bezug darauf, ob sich das Fallgesetz durchsetzt, und ebenso wenig war ich optimistisch in Bezug darauf, dass der Sozialismus, trotz großer Schwierigkeiten und gelegentlich auch Niederlagen, siegen wird und für die Menschheit ein, wie es der Dichter Erich Weinert einmal ausdrückte, zweites Kapitel der Weltgeschichte beginnen wird […] Heute habe ich nun Optimismus, d.h. nicht mehr die Gewißheit, daß ein Gesetz sich durchsetzt, sondern die ganz starke Hoffnung, daß die Menschheit in Frieden überleben und sich weiterentwickeln wird.“ Ende des Zitats.
Ab 1985 setzte er große Erwartungen in die Politik Michail Gorbatschows. Wenn er in dieser Zeit nach Marburg kam, konnte es geschehen, dass er vorab darum bat, die deutsche Ausgabe einer sowjetischen Zeitschrift zu besorgen, die wieder einmal nicht in der DDR ausgeliefert worden war. Im Juni 1989 stellte er in Marburg sein Buch „Das Jahr 1903“ vor – über das letzte Jahr vor Jürgen Kuczynskis Geburt also, vor 1904. Das war originell und ließ schließen, dass er nebenbei zeigen wollte, wie ein Lebenskreis sich schloss. Ebenfalls 1989, gleichsam zu seinem 85. Geburtstag, veröffentlichte er das Buch „Alte Gelehrte“ – eine Lobpreisung des Alters. Alles sah nach einem goldenen Lebensabend aus.
Allein die Verhältnisse, sie waren nicht so. Während er in Marburg war, wurde der Tiananmen-Platz in Peking geräumt. Jürgen Kuczynski war kaum von Radio wegzubekommen. In der Universität hielt er auch einen Vortrag über die wirtschaftliche Lage in der DDR. Ich sehe und höre ihn noch auf dem Podium im Hörsaal sitzen und sagen: „So kann es nicht weitergehen.“ Verblüfft stellte er fest, dass ihm nach Abschluss seines Buchs über das Jahr 1903 kein Thema für ein neues mehr einfiel. Das war ihm noch nie passiert. Der Stoff schien ihm ausgegangen.
Das änderte sich innerhalb weniger Monate. Mit dem Ende der DDR hatte er mehr zu analysieren und zu schreiben, als ihm lieb war.
Im „Dialog mit meinem Urenkel“ hatte er 1977 zu wissen gemeint, was die DDR war: eine im Ganzen gute Sache mit 1000 Fehlern. 1996, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte er einen Nachfolgeband. Sein Titel: „Fortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel“. Hier kam er zu dem Ergebnis, die DDR sei ein missglückter Staat mit 1000 großen Leistungen im Kleinen gewesen. Sich selbst warf er Blindheit vor. In seiner Auseinandersetzung mit dem Sozialismus ist er, so scheint mir, nicht mehr fertig geworden. Man könnte auch sagen: das war ja nicht sein wissenschaftliches Spezialgebiet. Das war der Kapitalismus, und dieses Thema beherrschte er. Hier hatte er einen Vorteil vor denjenigen seiner Kolleginnen und Kollegen, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geboren waren, ab 1945 gleichsam in den Sozialismus der DDR hineingewachsen waren, nichts Anderes kannten und denen alternativlos eine Welt zusammenbrach. 41 Jahre, von 1904 bis 1945, hatte er im Kapitalismus gelebt, 44 Jahre, von 1945 bis 1989, erst in der Sowjetischen Besatzungszone, dann in der DDR. Es folgten knapp acht Jahre, von 1989 1997 in einem Landstrich, der in den Kapitalismus zurückgekehrt war. Da kannte er sich aus wie vor 1945, und er nahm eine Arbeit wieder auf, die er ja auch in der DDR nie aufgegeben hatte. Im Institut für Wirtschaftsgeschichte hatte er den Kapitalismus bearbeitet, für die sozialistische Wirtschaft waren andere zuständig gewesen und hatten gute Arbeit geleistet, vor allem sein 36 Jahre jüngerer Kollege Jörg Roesler. Jürgen Kuczynski aber wurde wieder, was er am Anfang der dreißiger Jahre gewesen war: ein scharf analysierender Zeitgenosse des aktuellen Kapitalismus und ein politischer Journalist. Er war sich nicht zu fein, auch für kleinste sozialistische Blätter, wie sie teils – arg geschrumpft – weiter bestanden, teils neu gegründet wurden, zu schreiben. Das kannte er von seiner Zeit bei der „Roten Fahne“.
Nur wenige Jahre hatte sein Publikum sich von ihm abgewandt. War man ihm bis 1989 für seine Kritik an Fehlentwicklungen in der DDR dankbar gewesen, so warfen ihm diejenigen, die sich bis dahin an ihm aufgerichtet oder auch nur hinter ihm versteckt hatten, nun vor, nicht unverblümt genug gewesen und in seiner Eigenschaft als – wie er sich selbst einmal genannt hatte – „linientreuer Rebell“ sogar auf diesem Umweg Loyalität erzeugt zu haben. Das ging auch anderen so, Volker Braun, Stefan Hermlin und Christa Wolf.
Nach einiger Zeit legte sich das. Auf Jürgen Kuczynski wurde wieder gehört, weil er seinen zunächst so euphorischen ostdeutschen Landsleuten in der DDR zeigen konnte, was das für eine Gesellschaft war, in die sie nun hineingekommen waren. Und auch im Westen steckte er Vielen ein Licht auf. Zum letzten Mal hat er Marburg 1992 besucht. Thema seines Vortrags war die Wirtschaftsentwicklung in Ostdeutschland. Für einige besonders groteske Beispiele von Deindustrialisierung und Abwicklung hatte einen Ausruf parat, der in jenen Jahren bei ihm häufig wurde: „Sagenhaft“. Nach dem Vortrag sagte er zu mir: „Das ist eine interessante Zeit. Viel zu aufregend zum Sterben.“
Als er fünf Jahre später, am 6. August 1997, dann doch starb, lagen auf seinem Schreibtisch drei fertig geschriebene Artikel, von drei verschiedenen sozialistischen Blättern bestellt und ihnen zugesagt, bereit. Sie mussten nur noch in Umschläge gesteckt und versandt werden, und sie erschienen in den nächsten Tagen und Wochen.
Marguerite Kuczynski starb am 15. Januar 1998.
Es blieb das eher unscheinbare, grau verputzte, gemietete Haus in Berlin-Weißensee, Parkstraße 94, mit der riesigen Bibliothek. Heute ist sie ein Kleinod in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. 1976 hatten Marguerite und Jürgen Kuczynski den René-Kuczynski-Preis für hervorragende Arbeiten auf dem Gebiet der internationalen Wirtschafts- und Sozialgeschichte gestiftet. Seit 1996 wird er wieder verliehen. Über das eigene Leben des Namensgebers und der Stiftenden hinaus soll so dazu beigetragen werden, dass ihr Werk fortgesetzt wird.
Was ist das für ein Werk?
Ich zitiere Heinrich Heine, Ein Wintermärchen 1844, sechzig Jahre vor Jürgen Kuczynski:
Dort heißt es:
„Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.“
Und es geht weiter:
„Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.“
Ende des Zitats.
Das Volk, der große Lümmel: Heinrich Heine hat ihn gefürchtet, denn er kannte ihn nicht. Gemeint waren unberechenbare Volksmassen.
Friedrich Engels aus Barmen und Jürgen Kuczynski aus Elberfeld, ich komme auf diese ihre Gemeinsamkeit zurück, haben diese Volksmassen nicht gefürchtet, sie haben sie studiert. Sie hätten die gegenwärtig gängige Politikerphrase unzureichend gefunden, man müsse ihm eben nur zuhören, dem Volk, das man lieber doch nicht mehr „den großen Lümmel“ nennt, sondern „besorgte Bürger“, denn es geht um Stimmen. Was wird es wohl sagen, wenn man nur zuhört und vielleicht doch wieder nicht richtig hinhört? Wahrscheinlich auch nur das, was man auch so schon wissen könnte, nämlich „Ich bin das Volk“. Die beiden Sozialisten aus dem Wuppertal wollten wissen, warum das Volk so ist, wie es ist, wie seine Lage ist und wie sie zu ändern ist. Also: Fortsetzung der Geschichte der Lage der arbeitenden Menschen unter dem Kapitalismus. Für Jürgen Kuczynski war das kein Selbstzweck. Die Geschichte der arbeitenden Menschen unter dem Kapitalismus sollte für diesen sozialistischen Wissenschaftler nicht in alle Ewigkeit unter dem Kapitalismus fortgesetzt werden, sondern über diesen hinaus. Dass er das nach 1989 nicht mehr erleben werde, wusste er, aber er hat nicht aufgehört, darauf zu hoffen. Sonst hätte er, dieser schreibfreudige Mann, vielleicht keine einzige Zeile geschrieben.

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